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„Stell dich doch nicht so an!“

07.11.2026
Es gibt Sätze, die braucht die Welt ungefähr so dringend wie eine weitere Hitzewallung mitten in der Nacht. „Stell dich doch nicht so an!“ gehört definitiv dazu. Besonders dann, wenn es um die Wechseljahre geht. Das Erstaunliche daran ist, dass man solche Kommentare nicht unbedingt von Männern bekommt, die ohnehin keine Ahnung haben, was in unserem Körper gerade vor sich geht. Nein, manchmal kommen sie ausgerechnet von anderen Frauen. Von Frauen, die diese Lebensphase selbst durchlebt haben oder gerade mittendrin stecken. Frauen, bei denen man eigentlich denken würde, dass sie Verständnis haben, Erfahrungen teilen und vielleicht sogar den einen oder anderen hilfreichen Tipp auf Lager haben. Stattdessen heißt es: „Da müssen wir alle durch.“ Ja. Müssen wir. Herzlichen Glückwunsch zu dieser bahnbrechenden Erkenntnis!
Wir werden alle älter, die Wechseljahre gehören für viele Frauen zum Leben, und keine von uns kann einfach an der Tür klingeln und sagen: „Entschuldigung, ich hätte meine Hormone gern wieder in der alten Ausführung.“ Aber was genau soll dieser Satz eigentlich beweisen? Dass wir deshalb nicht darüber reden dürfen? Dass wir Beschwerden gefälligst still und würdevoll zu ertragen haben, weil andere Frauen das schließlich auch getan haben? Oder dass man sich erst dann über etwas beschweren darf, wenn es offiziell als unerträglich anerkannt wurde? Ich verstehe diese Logik nicht. Nicht jede Frau erlebt die Wechseljahre gleich. Manche bemerken kaum Veränderungen, andere haben gelegentlich Hitzewallungen und kommen damit gut zurecht. Und dann gibt es Frauen, deren Schlaf über Jahre hinweg gestört ist, die unter starken Beschwerden leiden, deren Stimmung Achterbahn fährt oder die sich in ihrem eigenen Körper zeitweise kaum wieder erkennen.
Es gibt Frauen, die sich mit den Veränderungen arrangieren, und andere, die jeden Tag aufs Neue versuchen müssen, irgendwie damit zurechtzukommen. Und jetzt sollen alle einfach die gleiche Antwort bekommen: „Stell dich nicht so an“? Wie praktisch. Damit wäre die gesamte medizinische Forschung eigentlich überflüssig. Wir könnten uns sämtliche Ratgeber sparen, alle Informationsveranstaltungen absagen und die Selbsthilfegruppen gleich wieder schließen. Ein einziger Satz für sämtliche Beschwerden, fertig. Wenn es doch nur so einfach wäre! Was mich daran besonders ärgert, ist die verpasste Chance. Wir Frauen könnten uns gegenseitig so viel helfen. Eine hat vielleicht einen guten Tipp gegen Schlafprobleme, eine andere hat Erfahrungen mit verschiedenen Möglichkeiten der Behandlung gemacht, und wieder eine andere kennt dieses merkwürdige Symptom, von dem man bisher dachte, man sei die Einzige auf der Welt, die es hat. Man könnte darüber sprechen, Fragen stellen, Erfahrungen austauschen und voneinander lernen.
Nicht jede Erfahrung passt zu jeder Frau, nicht jeder Tipp funktioniert bei jeder, und selbstverständlich muss niemand eine Hormontherapie machen wollen, nur weil eine andere damit gute Erfahrungen gemacht hat, aber genau darum geht es doch: Wir sind unterschiedlich, und gerade deshalb kann der Austausch so wertvoll sein. Stattdessen wird manchmal so getan, als wäre schon das Reden über Beschwerden eine Form der Übertreibung. Als würde man die Wechseljahre erst recht schlimm machen, wenn man ihnen zu viel Aufmerksamkeit schenkt, dabei verschwinden Probleme nicht automatisch, nur weil man sie nicht anspricht. Sie werden höchstens einsamer.
Vielleicht hatten manche Frauen selbst wenig Unterstützung. Vielleicht haben sie gelernt, alles mit sich allein auszumachen, die Zähne zusammenzubeißen und bloß nicht zu jammern. Vielleicht haben sie ihre eigenen Beschwerden heruntergespielt, weil ihnen niemand zugehört hat. Das mag erklären, warum sie heute ähnlich reagieren. Es macht den Satz aber nicht hilfreicher, denn nur weil eine Frau ihre Wechseljahre vergleichsweise gut überstanden hat, bedeutet das nicht, dass es allen anderen genauso gehen muss. Und nur weil eine Frau selbst nicht gelitten hat, darf sie nicht entscheiden, wie viel Leid eine andere Frau empfinden darf. Ich persönlich muss mich nicht ständig beklagen. Ich kann über vieles lachen, und meine Wechseljahre liefern mir inzwischen genug Stoff für einen ganzen Blog. Aber ich weiß auch, dass es Frauen gibt, denen es deutlich schlechter geht als mir. Frauen, die verzweifelt nach Antworten suchen, weil sie ihre Beschwerden nicht einordnen können oder weil sie sich von ihrem Umfeld nicht ernst genommen fühlen.
Was sollen diese Frauen mit einem „Stell dich nicht so an!“ anfangen? Sollen sie sich schämen, weil es ihnen nicht so gut geht wie ihrer Nachbarin? Sollen sie ihre Fragen lieber für sich behalten, damit niemand genervt die Augen verdreht? Oder sollen sie einfach hoffen, dass die Beschwerden irgendwann von allein verschwinden?
Ganz ehrlich: Wenn wir schon gemeinsam durch diese Lebensphase müssen, könnten wir uns wenigstens unterwegs gegenseitig die Tür aufhalten. Niemand verlangt, dass jede Frau zur Wechseljahresbotschafterin wird oder ihre intimsten Beschwerden in einer großen Runde ausbreitet. Wer nicht darüber sprechen möchte, muss das nicht tun. Aber zwischen „Ich möchte meine eigenen Erfahrungen nicht teilen“ und „Stell dich nicht so an“ liegt ein gewaltiger Unterschied. Das eine ist eine persönliche Grenze. Das andere ist eine Abwertung der Erfahrung einer anderen Frau. Vielleicht brauchen wir genau deshalb mehr offene Gespräche, mehr ehrlichen Austausch und weniger Wettbewerb darüber, wer die Wechseljahre am tapfersten erträgt. Es ist schließlich kein Leistungssport, bei dem am Ende eine Medaille für die Frau vergeben wird, die am wenigsten gejammert hat.
Also, liebe Damen, die ihr so gern sagt: „Stell dich doch nicht so an!“ bei was eigentlich? Bei Schlaflosigkeit? Bei Schmerzen? Bei Hitzewallungen? Bei Angstzuständen? Oder bei dem Versuch, eine schwierige Lebensphase ein bisschen leichter zu überstehen, indem man sich gegenseitig hilft? Wenn wir nicht einmal untereinander Verständnis aufbringen können, sollten wir uns wirklich nicht wundern, wenn Frauen die Wechseljahre weiterhin allein durchstehen müssen und das wäre doch eigentlich das Letzte, was wir einander zumuten sollten.
Aber hey, ich liebe mein Leben!
Und obwohl ich die Wechseljahre-Lotterie lieber nicht gewonnen hätte, finde ich, dass es ein Gewinn ist und die Frauen die damit ein Problem haben, sind die, die eigentlich verloren haben.
