Heisse Luft
Ist doch nur heiße Luft

05.11.2026
Ist das Pupsen eine Frage der Erziehung?
Es gibt Dinge, die Männer völlig selbstverständlich tun, während Frauen schon beim Gedanken daran am liebsten im Erdboden versinken würden. Rülpsen gehört dazu. Und natürlich das Furzen. Ich weiß, das Wort ist nicht besonders elegant, aber wir sollten die Dinge beim Namen nennen. Schließlich geht es hier um die Wechseljahre und nicht um einen Empfang bei der britischen Königsfamilie.
Männer haben zu diesem Thema eine beneidenswert unkomplizierte Beziehung. Wenn ihnen Luft entweicht, ist das zunächst einmal ein ganz normaler Vorgang. Sind sie unter sich, kann daraus sogar ein regelrechter Wettbewerb entstehen. Wer war am lautesten? Wer hat den längsten Ton produziert? Und wer schafft es, dass die anderen vor Lachen fast vom Sofa fallen? Manchmal könnte man meinen, irgendwo gäbe es eine geheime Männerolympiade, bei der die Disziplinen erst nach dem dritten Bier bekannt gegeben werden. Die Goldmedaille geht an den lautesten, die Silbermedaille an denjenigen mit dem überraschendsten Timing, und für die Geruchsbelästigung gibt es vermutlich einen Sonderpreis, der aus Gründen des Gesundheitsschutzes nicht persönlich überreicht wird. Und dann sitzen diese Herren anschließend mit völlig unschuldiger Miene da und fragen: „Was stinkt denn hier so?“ Ja, wer könnte das nur gewesen sein? Vielleicht der unsichtbare Gast, der sich gerade durch die geschlossene Wohnzimmertür verabschiedet hat.
Bei Frauen läuft das Ganze etwas anders. Wir können uns über die absurdesten Dinge kaputtlachen, aber wenn uns selbst ein kleines Lüftchen entweicht, verwandeln wir uns schlagartig in Geheimagentinnen. Der Blick geht nach links, der Blick geht nach rechts. Ist jemand im Raum? Hat es jemand gehört? Und vor allem: Hat es jemand gerochen?Wenn die Lage unklar ist, wird der Rückzug angetreten. Man geht in die Küche, obwohl man dort gar nichts wollte, öffnet ein Fenster, das vorher überhaupt nicht geschlossen war, oder beginnt unvermittelt, die Zimmerpflanzen zu kontrollieren. Hauptsache, niemand bringt einen mit dem verdächtigen Geräusch in Verbindung. Dabei ist es doch eigentlich verrückt. Wir haben alle einen Darm. Wir essen, wir verdauen, und bei diesem Vorgang entsteht nun einmal Gas. Das gilt für Männer genauso wie für Frauen. Aber während Männer untereinander möglicherweise darüber diskutieren, wer gerade den Weltrekord aufgestellt hat, hoffen wir Frauen, dass unser Körper wenigstens so viel Anstand besitzt, sich ausschließlich in unbeobachteten Momenten bemerkbar zu machen.
Ich kann mich noch gut an meinen ersten Freund erinnern. Ich war damals blutjunge 18 und kam in sein Elternhaus. Seine Mutter glaubte offenbar, sie sei allein. Was dann geschah, war jedenfalls nicht zu überhören. Ich werde keine Namen nennen und auch keine näheren Einzelheiten veröffentlichen. Wir wollen schließlich niemanden nach Jahrzehnten noch in Verlegenheit bringen. Aber ich erinnere mich daran, dass ich damals durchaus überrascht war. Nicht unbedingt wegen des natürlichen Vorgangs an sich, sondern wegen der Selbstverständlichkeit, mit der er sich ereignete. Heute denke ich mir: Vielleicht war diese Frau einfach ihrer Zeit voraus. Während wir anderen noch überlegten, ob man sich für so etwas schämen muss, hatte sie das Thema offenbar längst abgehakt.
Und jetzt kommen die Wechseljahre ins Spiel. Ich war nämlich bisher weitgehend verschont geblieben. Ich gehörte nicht zu den Frauen, die ständig mit einem aufgeblähten Bauch herumliefen oder sich Sorgen machen mussten, ob ihr Verdauungssystem bei der nächsten gesellschaftlichen Veranstaltung einen eigenen Beitrag leisten würde. Umso mehr fällt mir auf, dass sich das inzwischen ein wenig verändert hat. Es ist nicht dramatisch, aber eben mehr als früher und wenn man etwas jahrzehntelang kaum erlebt hat, fällt einem selbst eine kleine Veränderung auf. Plötzlich fragt man sich, ob der eigene Körper neuerdings ein zusätzliches Hobby entwickelt hat. Man sitzt da, bemerkt eine ungewohnte Aktivität im Bauch und denkt: Aha. Was wird das denn jetzt? Die hormonellen Veränderungen der Wechseljahre können tatsächlich die Verdauung beeinflussen. Manche Frauen bemerken mehr Blähungen, ein Völlegefühl oder Veränderungen ihrer Darmtätigkeit. Östrogen und Progesteron wirken auf verschiedene Prozesse im Körper, und wenn sich der Hormonhaushalt verändert, kann auch der Bauch empfindlicher reagieren. Natürlich spielen Ernährung und andere Faktoren ebenfalls eine Rolle, aber die Wechseljahre können durchaus mitmischen.
Mit anderen Worten: Als hätten wir nicht schon genug damit zu tun, nachts wach zu liegen, morgens mit einem Rücken wie ein Klappmesser aufzustehen und uns über blaue Flecken zu wundern, deren Herkunft wir nicht mehr rekonstruieren können, möchte offenbar auch noch die Verdauung an unserem Alltag teilnehmen.
Was mich dabei besonders amüsiert, ist die Vorstellung, dass irgendwo auf der Welt eine Frau gerade völlig diskret versucht, ihre Blähungen zu verbergen, während ihr Mann daneben sitzt und stolz verkündet, er habe soeben die Fensterscheiben zum Vibrieren gebracht. Anschließend lachen beide über den Vorgang, nur dass einer von ihnen vermutlich deutlich weniger Angst hat, dabei ertappt zu werden. Wir Frauen haben uns diese Zurückhaltung offenbar gründlich antrainiert. Selbst wenn wir allein zu Hause sind, benehmen wir uns manchmal, als säße die Queen neben uns auf dem Sofa. Dabei ist sie nicht da, der Hund wird uns nicht verklagen, und die Zimmerpflanze hat vermutlich andere Sorgen. Ich bin jedenfalls froh, dass ich bisher noch alles einigermaßen unter Kontrolle habe. Und wenn sich das in den Wechseljahren ändern sollte, hoffe ich auf die Gelassenheit der Mutter meines ersten Freundes, vielleicht war sie einfach die weisere Frau. Vielleicht hatte sie verstanden, dass man nicht jeden natürlichen Vorgang zu einem Staatsgeheimnis machen muss.
Bei meiner Recherche bin ich übrigens noch auf ein weiteres mögliches Wechseljahressymptom gestoßen: Juckreiz am After. An dieser Stelle möchte ich ausdrücklich festhalten, dass ich (bisher) davon verschont geblieben bin und ich bin ausgesprochen dankbar dafür. Wirklich. Wenn mein Körper schon regelmäßig neue Ideen entwickelt, muss ich nicht jede davon persönlich kennenlernen.Man darf schließlich auch einmal Glück haben. Und falls meine Verdauung künftig etwas mehr Temperament zeigen sollte, werde ich versuchen, das Ganze mit Humor zu nehmen. Ich werde mich nicht freiwillig für eine Männerolympiade anmelden, und ich werde ganz sicher keine Punkte für Lautstärke vergeben. Aber vielleicht werde ich irgendwann etwas entspannter, wenn mein Körper sich bemerkbar macht. Schließlich sind wir in den Wechseljahren. Da verändert sich so einiges. Der Schlaf, die Haut, die Gelenke, die Stimmung und offenbar manchmal auch die Menge an Luft, die sich einen Weg nach draußen sucht.
Aber hey, ich liebe mein Leben!
Und wenn mir irgendwann doch einmal ein besonders eindrucksvoller Pups entwischt, werde ich mich einfach umsehen und fragen: „Habt ihr das auch gehört?“
Man muss schließlich von den Besten lernen.
