Aktenzeichen XY ungelöst?

01.11.2026

Blaue Flecken und andere ungelöste Fälle.
Früher habe ich mich manchmal gefragt, woher manche Frauen in einem gewissen Alter eigentlich ihre blauen Flecken haben. Damals dachte ich mir nicht viel dabei. Heute weiß ich: Manchmal muss man erst selbst in die entsprechende Lebensphase kommen, um bestimmte Dinge zu verstehen. Denn inzwischen habe ich diese mysteriösen Flecken selbst. An den Unterarmen, an den Oberschenkeln und gelegentlich an Stellen, bei denen ich mich ernsthaft frage, wie ich mich dort überhaupt gestoßen haben soll. Einmal hatte ich sogar einen am unteren Teil meiner Brust. Ich kann bis heute schwören, dass ich keine Ahnung habe, woher der kam. Ich muss mich wohl irgendwo gestoßen haben, aber wann, wo und vor allem wie, bleibt mein persönliches Geheimnis. Dabei kenne ich meine Wohnung durchaus. Ich weiß, wo die Tischkante lauert und welche Möbelstücke mir seit Jahren treu Gesellschaft leisten. Die haben sich schließlich nicht über Nacht umgestellt. Trotzdem scheine ich gelegentlich mit ihnen in Kontakt zu geraten, ohne dass mein Gehirn diesen Vorfall für erinnerungswürdig hält. Man könnte fast meinen, mein Körper führt heimlich Buch über sämtliche Zusammenstöße, während mein Gedächtnis beschlossen hat, diese Aufzeichnungen aus Datenschutzgründen nicht herauszugeben. Das wirklich Verblüffende ist nämlich nicht allein, dass plötzlich ein blauer Fleck auftaucht. Es ist die Tatsache, dass ich mich an keinen entsprechenden Zusammenstoß erinnern kann. Normalerweise merkt man doch, wenn man sich ordentlich irgendwo anstößt. Da gibt es einen kurzen Schmerz, vielleicht einen Fluch und die spontane Erkenntnis, dass die Tischkante wieder einmal gewonnen hat. Aber offenbar gibt es inzwischen auch Begegnungen, bei denen ich weder den Zusammenstoß noch die anschließende Beschwerde meines Körpers bewusst registriere. Und damit sind wir mitten in einem weiteren Phänomen, das im Zusammenhang mit den Wechseljahren auftreten kann: dieser merkwürdigen Tollpatschigkeit, bei der man sich häufiger stößt, stolpert oder plötzlich Dinge fallen lässt.

Wenn die Hormone auch noch die Navigation übernehmen.
Der sinkende Östrogenspiegel beeinflusst nämlich nicht nur Haut, Schlaf und Stimmung, sondern kann auch Auswirkungen auf Prozesse haben, die für unsere Wahrnehmung und Koordination wichtig sind. Östrogenrezeptoren finden sich unter anderem im Auge und in Gehirnregionen, die visuelle Informationen verarbeiten. Hormonelle Veränderungen können deshalb bei manchen Frauen mit Veränderungen des Sehens und der räumlichen Wahrnehmung einhergehen. Hinzu kommen trockene Augen, Schlafmangel und dieser berüchtigte Gehirnnebel, der manchmal dafür sorgt, dass man sich zwar körperlich durch den Alltag bewegt, gedanklich aber noch beim ersten Kaffee festhängt. Auch Gleichgewicht und Körperwahrnehmung spielen eine Rolle. Unser Gehirn muss ständig einschätzen, wo sich unser Körper befindet, wie weit eine Tischkante entfernt ist und wie wir uns bewegen müssen, um nicht dagegenzulaufen. Das passiert zum größten Teil automatisch. Wir stehen schließlich nicht morgens auf und berechnen beim Gang zur Kaffeemaschine erst einmal die Flugbahn unserer Hüfte. Wenn diese Abläufe durch verschiedene Beschwerden der Wechseljahre beeinträchtigt werden, kann es passieren, dass die Einschätzung einer Entfernung oder die Koordination einer Bewegung nicht ganz so zuverlässig funktioniert wie gewohnt. Man streift einen Türrahmen, stößt sich an einer Kante oder lässt etwas fallen, das einem gerade noch sicher in der Hand lag. Und während man sich fragt, ob man neuerdings heimlich an einer Karriere als Slapstick-Komikerin arbeitet, könnte der eigene Hormonhaushalt durchaus seine Finger im Spiel haben. Natürlich bedeutet das nicht, dass jede Frau in den Wechseljahren zwangsläufig zur wandelnden Unfallstatistik wird. Aber wenn man plötzlich häufiger aneckt und sich über Dinge wundert, die früher ganz selbstverständlich funktioniert haben, kann man zumindest verstehen, dass hinter dieser Veränderung mehr stecken könnte als bloße Unachtsamkeit.

Der blaue Fleck als Beweisstück.
Was die Sache zusätzlich interessant macht: Mit zunehmendem Alter wird die Haut dünner, und das Gewebe unter der Haut verändert sich. Kleine Blutgefäße können dadurch leichter verletzt werden. Ein Stoß, den man früher kaum bemerkt hätte, kann nun einen deutlich sichtbaren blauen Fleck hinterlassen. Das bedeutet, dass möglicherweise zwei Dinge zusammenkommen: Man stößt sich unbemerkt irgendwo, und der Körper dokumentiert die Begegnung anschließend deutlich gründlicher, als einem lieb ist. Während ich also noch überlege, wo ich mich eigentlich gestoßen haben könnte, präsentiert mir mein Unterarm bereits das Ergebnis. Vielen Dank für die ausführliche Dokumentation! Auf die Angabe von Ort, Uhrzeit und Unfallhergang warte ich allerdings noch. Vielleicht sollte ich künftig eine kleine Ermittlungsgruppe einsetzen. Ich könnte morgens meine Arme und Beine kontrollieren und bei jedem neuen Fleck eine Befragung der beteiligten Möbelstücke anordnen. Der Küchenschrank müsste erklären, wo er sich gestern Abend zwischen 19 und 20 Uhr aufgehalten hat. Der Esstisch wäre zu fragen, ob er möglicherweise seine Position verändert hat. Und die Bettkante hätte sich zu rechtfertigen, falls sie nachts in einen Vorfall verwickelt gewesen sein sollte. Ich fürchte allerdings, die Aussagen wären wenig ergiebig. Möbel sind bekanntlich nicht besonders gesprächig. Und ich selbst? Ich wäre die einzige Zeugin, die den entscheidenden Moment vermutlich nicht mitbekommen hat.

Die Wechseljahre haben offenbar noch mehr auf Lager.
Man denkt ja, irgendwann hätte man die Liste der Überraschungen vollständig. Erst verändert sich der Schlaf, dann macht der Körper Dinge, die man nicht bestellt hat, und zwischendurch sucht man nach Wörtern, die einem seit Jahrzehnten vertraut sind. Jetzt kommt also auch noch die Frage hinzu, warum man sich ständig irgendwo stößt und anschließend nicht einmal sagen kann, woher der blaue Fleck stammt. Vielleicht sollte ich meine Erwartungen an diese Lebensphase endgültig anpassen. Die Wechseljahre sind offenbar kein gewöhnlicher Umbau, bei dem man vorher einen Plan bekommt und hinterher alles wieder an seinem Platz ist. Eher eine Renovierung bei laufendem Betrieb, während irgendwo im Hintergrund jemand die Beleuchtung verändert und gleichzeitig die Möbel verrückt. Wobei: Meine Möbel stehen selbstverständlich dort, wo sie hingehören. Das Problem scheint eher darin zu liegen, dass mein Körper gelegentlich andere Wege einschlägt als geplant. Und wenn ich morgen wieder einen blauen Fleck entdecke, werde ich vermutlich zunächst seufzen, dann überlegen und schließlich zu dem Schluss kommen, dass ich mich wohl irgendwo gestoßen haben muss. Wo genau, bleibt offen. Vielleicht fällt es mir noch ein. Vielleicht auch nicht.

Aber hey, ich liebe mein Leben!

Die Wechseljahre machen einen nicht unbedingt zum Tollpatsch, sie sorgen nur dafür, dass man gelegentlich mit der eigenen Wohnung kollidiert, ohne den Unfall zu bemerken und anschließend mit einem blauen Fleck dasteht, der mehr über die vergangene Nacht weiß als man selbst.

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