Hüftgold
Zwischen Hüftgold und Schokoladenglück

30.10.2026
Wie ich zum menschlichen Süßigkeitenradar wurde, während meine Hosen immer enger wurden.
Es gibt Momente im Leben, in denen man sich fragt, ob der eigene Körper eigentlich noch alle Tassen im Schrank hat.
Bei mir kam dieser Moment mit den Wechseljahren. Genauer gesagt mit der Erkenntnis, dass plötzlich alles, was süß war, eine geradezu magische Anziehungskraft auf mich ausübte. Früher ging ich einkaufen, um Lebensmittel zu kaufen. Gemüse, Obst, Käse, Fleisch, was man eben so braucht, um sich vernünftig zu ernähren. Heute betrete ich einen Supermarkt und mein Gehirn schaltet augenblicklich in einen völlig anderen Betriebsmodus. Süßigkeiten-Scanner aktiviert. Da steht eine neue Schokolade im Regal? Interessant! Eine Sorte Kekse, die ich noch nie gesehen habe? Muss getestet werden! Eine Praline mit einer Füllung, deren Zusammensetzung klingt, als hätte ein Sternekoch einen Nervenzusammenbruch erlitten? Her damit! Irgendeine neue Süßigkeit aus einem anderen Land, die aussieht, als wäre sie bei einem missglückten Experiment in einer Konditorei entstanden? Ich bin dabei! Ich laufe inzwischen durch die Süßigkeitenabteilung wie ein Kind durch einen Spielzeugladen kurz vor Weihnachten.
Meine Augen leuchten, mein Puls steigt, und irgendwo in meinem Hinterkopf flüstert eine Stimme: Du hast das noch nie probiert. Du kannst doch nicht einfach weitergehen! Nein, natürlich kann ich das nicht. Ich bin schließlich eine verantwortungsbewusste Frau. Wenn die Lebensmittelindustrie etwas Neues entwickelt, dann kann sie ja nicht erwarten, dass ich diese Innovation ungeprüft lasse. Wo kämen wir denn hin, wenn niemand mehr die neuen Geschmacksrichtungen auf ihre Alltagstauglichkeit überprüfen würde? Ich sehe mich mittlerweile als eine Art ehrenamtliche Qualitätsprüferin der internationalen Süßwarenindustrie. Ohne Gehalt, versteht sich. Dafür mit gelegentlichen Glücksgefühlen und einem zunehmend schwierigen Verhältnis zu meinem Hosenbund.
Die große Frage: Brauche ich eigentlich noch normale Lebensmittel?
Es gab tatsächlich eine Phase, in der ich mich fragte, ob ich meinen Einkauf nicht erheblich vereinfachen könnte.
Die große Frage: Brauche ich eigentlich noch normale Lebensmittel?
Es gab tatsächlich eine Phase, in der ich mich fragte, ob ich meinen Einkauf nicht erheblich vereinfachen könnte.
Wozu eigentlich noch so viele normale Lebensmittel? Ein bisschen Gemüse, etwas Obst, vielleicht Käse und Brot, und dann der Rest des Budgets für alles, was knistert, schmilzt, cremig ist oder sich in irgendeiner Form mit Schokolade kombinieren lässt. Man könnte meinen, ich hätte einen geheimen Vertrag mit einer Konditorei unterschrieben, von dem ich selbst nichts wusste. Dabei war ich noch nie jemand, der riesige Mengen gegessen hat. Ich brauche keine drei Tafeln Schokolade, um glücklich zu sein. Ich bin nicht die Frau, die eine Packung Kekse öffnet und erst dann aufhört, wenn nur noch Krümel und die Erinnerung an bessere Zeiten übrig sind. Nein.
Mich macht schon ein einziges Stück Schokolade glücklich. Ein Stück! Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie eine komplette Tafel Schokolade auf einmal gegessen. Weder aus Disziplin noch aus irgendeinem Ernährungskonzept und auch nicht, weil mir jemand erklärt hätte, dass man Schokolade in kleinen Mengen genießen sollte.
Es reicht mir einfach. Ein gutes Stück Schokolade, langsam auf der Zunge zergehen lassen, den Geschmack genießen und für einen kurzen Moment das Gefühl haben, dass die Welt eigentlich ein ziemlich schöner Ort ist. Das ist für mich kein hemmungsloses Fressen. Das ist Kulturpflege. Andere Menschen besuchen Museen, hören klassische Musik oder betrachten Sonnenuntergänge. Ich kann mich über eine gelungene Nougatfüllung freuen. Jeder hat schließlich seine eigenen Zugänge zur Ästhetik.
Und wenn eine Schokolade wirklich gut ist, dann möchte ich sie genießen und nicht einfach nur essen. Es gibt einen Unterschied zwischen Kalorienaufnahme und einem kulinarischen Erlebnis. Das sollte man in der Gesellschaft endlich einmal anerkennen. Ich warte noch auf den Tag, an dem ein Museum eine Ausstellung mit dem Titel
„Die Geschichte der Praline“ eröffnet. Ich wäre sofort dabei. Vermutlich sogar mit Notizblock.
Backen, probieren, genießen, und von vorne.
Das nächste Problem ist natürlich das Backen. Denn wenn man ohnehin schon eine gewisse Affinität zu süßen Dingen entwickelt, ist eine Küche mit Backofen und Rührschüssel ungefähr so gefährlich wie ein Feuerzeug in den Händen eines Pyromanen. Man könnte ja etwas backen. Einen Kuchen vielleicht. Oder Kekse. Oder etwas mit Schokolade. Etwas Neues, das man noch nie ausprobiert hat. Ein Rezept, das vielversprechend klingt und bei dem man schon beim Lesen der Zutatenliste weiß, dass es hinterher köstlich sein könnte. Und dann wird gebacken. Man probiert den Teig. Natürlich muss man den Teig probieren. Wie soll man denn sonst wissen, ob er schmeckt? Das ist keine Nascherei, das ist Qualitätskontrolle. Nach dem Backen probiert man das Ergebnis. Ebenfalls Qualitätskontrolle. Wenn es besonders gut geworden ist, probiert man noch ein kleines Stück. Schließlich muss man sicherstellen, dass der erste Eindruck nicht getäuscht hat. Und am nächsten Tag nimmt man noch einmal ein Stück, um zu überprüfen, ob der Kuchen durchgezogen ist und sein volles Aroma entwickelt hat. Ich sehe hier wirklich kein Problem. Ich sehe einen wissenschaftlich fundierten Prüfprozess mit mehreren Messzeitpunkten. Dass ich dabei möglicherweise häufiger an den Kuchen denke als an den Inhalt meines Kühlschranks, ist eine andere Sache.
Backen, probieren, genießen, und von vorne.
Das nächste Problem ist natürlich das Backen. Denn wenn man ohnehin schon eine gewisse Affinität zu süßen Dingen entwickelt, ist eine Küche mit Backofen und Rührschüssel ungefähr so gefährlich wie ein Feuerzeug in den Händen eines Pyromanen. Man könnte ja etwas backen. Einen Kuchen vielleicht. Oder Kekse. Oder etwas mit Schokolade. Etwas Neues, das man noch nie ausprobiert hat. Ein Rezept, das vielversprechend klingt und bei dem man schon beim Lesen der Zutatenliste weiß, dass es hinterher köstlich sein könnte. Und dann wird gebacken. Man probiert den Teig. Natürlich muss man den Teig probieren. Wie soll man denn sonst wissen, ob er schmeckt? Das ist keine Nascherei, das ist Qualitätskontrolle. Nach dem Backen probiert man das Ergebnis. Ebenfalls Qualitätskontrolle. Wenn es besonders gut geworden ist, probiert man noch ein kleines Stück. Schließlich muss man sicherstellen, dass der erste Eindruck nicht getäuscht hat. Und am nächsten Tag nimmt man noch einmal ein Stück, um zu überprüfen, ob der Kuchen durchgezogen ist und sein volles Aroma entwickelt hat. Ich sehe hier wirklich kein Problem. Ich sehe einen wissenschaftlich fundierten Prüfprozess mit mehreren Messzeitpunkten. Dass ich dabei möglicherweise häufiger an den Kuchen denke als an den Inhalt meines Kühlschranks, ist eine andere Sache.
Der Östrogenspiegel und die Sache mit dem Appetit
Und jetzt kommt ein Teil, den einem vorher auch niemand so richtig erklärt: Was hat das eigentlich mit den Hormonen zu tun?
Und jetzt kommt ein Teil, den einem vorher auch niemand so richtig erklärt: Was hat das eigentlich mit den Hormonen zu tun?
Östrogen beeinflusst nämlich nicht nur den Zyklus und zahlreiche andere Vorgänge im Körper, sondern spielt auch bei der Regulation von Hunger und Sättigung eine Rolle.
Es wirkt unter anderem auf Bereiche im Gehirn, die an der Steuerung des Appetits beteiligt sind. Sinkt der Östrogenspiegel in den Wechseljahren, kann sich dieses fein abgestimmte Zusammenspiel verändern. Die Signale, die Hunger und Sättigung beeinflussen, können anders ausfallen als früher. Bei manchen Frauen nimmt dadurch das Verlangen nach bestimmten Lebensmitteln zu, und ausgerechnet Süßes kann dann besonders attraktiv erscheinen. Das bedeutet nicht, dass der Östrogenmangel automatisch sämtliche Appetitzügel außer Kraft setzt. So einfach ist der menschliche Körper leider nicht. Schlafmangel, Stress, Stimmung, Gewohnheiten und weitere hormonelle Veränderungen können ebenfalls mit hineinspielen. Aber es erklärt, warum man sich plötzlich fragen kann, weshalb die Schokolade einen geradezu hypnotisch anzuschauen scheint, obwohl man früher völlig problemlos an ihr vorbeigegangen ist. Kurz gesagt: Während ich versuche, meinen Appetit mit Vernunft zu regulieren, hat mein Östrogenspiegel offenbar seinen Arbeitsplatz verlassen, ohne eine Vertretung zu organisieren. Und ich stehe da, vor dem Süßigkeitenregal, und muss die Personalprobleme meines eigenen Körpers ausbaden.
Der Körper macht Hüftgold, der Kopf macht Schokoladenglück.
Und jetzt kommt der Teil, bei dem man sich ernsthaft fragt, ob jemand bei der Konstruktion der Wechseljahre vielleicht einen kleinen Denkfehler eingebaut hat. Denn während sich der Körper verändert, die Figur plötzlich ihre eigenen Vorstellungen entwickelt und die Lieblingshose immer weniger begeistert auf meine Annäherungsversuche reagiert, wird ausgerechnet die Lust auf Süßes immer größer. Das ist ungefähr so, als würde man mir gleichzeitig den Schlüssel zum Süßwarenladen geben und die Mitteilung schicken, dass die Garderobe ab sofort eine Nummer kleiner ausfallen soll. Vielen Dank auch! Man steht vor dem Spiegel, betrachtet die Veränderungen und denkt:
Der Körper macht Hüftgold, der Kopf macht Schokoladenglück.
Und jetzt kommt der Teil, bei dem man sich ernsthaft fragt, ob jemand bei der Konstruktion der Wechseljahre vielleicht einen kleinen Denkfehler eingebaut hat. Denn während sich der Körper verändert, die Figur plötzlich ihre eigenen Vorstellungen entwickelt und die Lieblingshose immer weniger begeistert auf meine Annäherungsversuche reagiert, wird ausgerechnet die Lust auf Süßes immer größer. Das ist ungefähr so, als würde man mir gleichzeitig den Schlüssel zum Süßwarenladen geben und die Mitteilung schicken, dass die Garderobe ab sofort eine Nummer kleiner ausfallen soll. Vielen Dank auch! Man steht vor dem Spiegel, betrachtet die Veränderungen und denkt:
Das müsste jetzt eigentlich nicht unbedingt noch mehr werden. Dann geht man in die Küche, entdeckt ein Stück Kuchen und denkt: Aber das sieht wirklich gut aus.
Zwei Minuten später steht man da, genießt den Kuchen und fragt sich, warum das Leben eigentlich so kompliziert sein muss. Es ist ja nicht einmal so, dass ich pausenlos riesige Mengen Süßigkeiten in mich hineinstopfen möchte. Es geht vielmehr um diese ständige Aufmerksamkeit für alles Süße. Die Neugier. Die Lust, etwas Neues zu entdecken. Das kleine Glück, wenn man etwas probiert, das tatsächlich so gut schmeckt, wie man gehofft hat. Und genau das macht es so schwierig. Man möchte genießen, aber man möchte sich auch in seinem Körper wohlfühlen. Man möchte sich nicht ständig Gedanken über Gewicht und Figur machen, aber man kann die Veränderungen eben auch nicht einfach ignorieren. Da steht man dann zwischen zwei Welten: auf der einen Seite der Wunsch, sich selbst und seinen Körper anzunehmen, und auf der anderen Seite die Erkenntnis, dass eine neue Schokoladensorte offenbar eine ganz eigene Form der Lebensfreude darstellen kann und irgendwo dazwischen sitzt mein Hormonhaushalt und tut so, als hätte er mit der ganzen Angelegenheit nichts zu tun.
Wie soll ein Leben ohne Süßkram eigentlich funktionieren?
Ich habe mir diese Frage inzwischen ernsthaft gestellt.
Wie soll ein Leben ohne Süßkram eigentlich funktionieren?
Ich habe mir diese Frage inzwischen ernsthaft gestellt.
Wie soll das gehen? Soll ich künftig an der Schokoladenabteilung vorbeigehen, ohne auch nur einen Blick auf die Neuheiten zu werfen? Soll ich aufhören, neue Süßigkeiten auszuprobieren? Soll ich aufhören zu backen, weil ich anschließend den Kuchen auch essen möchte? Soll ich mich von all den kleinen Dingen verabschieden, die mir Freude machen, nur weil mein Körper beschlossen hat, seine Form zu verändern? Ganz ehrlich: Ich glaube, dann hätte ich ein ganz anderes Problem. Natürlich kann man über Ernährung nachdenken, auf sich achten und vernünftige Entscheidungen treffen. Das gehört dazu. Aber ich möchte nicht, dass mein Leben irgendwann nur noch aus Verzicht, Selbstkontrolle und dem schlechten Gewissen besteht, weil ich ein Stück Schokolade gegessen habe. Ich möchte weiterhin genießen. Ich möchte neue Dinge entdecken. Ich möchte beim Einkaufen über eine ungewöhnliche Süßigkeit stolpern und mich darüber freuen, als hätte ich einen kleinen Schatz gefunden. Ich möchte backen, probieren und den Geschmack genießen. Ich möchte ein Stück Schokolade essen können, ohne anschließend eine innere Gerichtsverhandlung einzuberufen, bei der ich gleichzeitig Angeklagte, Staatsanwältin und Richterin bin. Denn mal ehrlich, wir haben in den Wechseljahren ohnehin schon genug zu verarbeiten. Hitzewallungen, Schlafprobleme, Stimmungsschwankungen, Gehirnnebel und all die anderen Überraschungen, die der Körper für uns bereithält. Muss man uns da wirklich auch noch das Schokoladenglück vermiesen?
Ich finde, irgendwo muss Schluss sein. Wenn mein Körper schon beschlossen hat, die nächsten Jahre zu einer Art Überraschungspaket zu machen, dann möchte ich wenigstens selbst bestimmen dürfen, welche Überraschungen ich auspacke. Und wenn eine davon eine herrlich cremige Praline ist, dann werde ich sie genießen.
Langsam, genüsslich und mit einem Lächeln. Vielleicht ist das ja überhaupt das Geheimnis, nicht jeden kleinen Genuss zum Problem zu erklären, sondern sich daran zu erinnern, dass Lebensqualität nicht ausschließlich in Zentimetern, Konfektionsgrößen oder Zahlen auf einer Waage gemessen wird. Manchmal ist Lebensqualität einfach ein verdammt gutes Stück Schokolade. Und wenn ich dafür einen Platz in meinem Leben reservieren muss, dann werde ich das tun. Schließlich habe ich auch Platz für Hormonmigräne, Gehirnnebel und einen Rücken, der sich morgens aufführt, als hätte ich die Nacht auf einem Kiesbett verbracht. Da wird doch wohl noch ein kleines Stückchen Schokolade drin sein.
Aber hey, ich liebe mein Leben!
Denn wenn die Wechseljahre meinen Körper schon in eine Baustelle verwandeln, dann möchte ich wenigstens, dass auf dieser Baustelle gelegentlich ein Konditor vorbeikommt. Und zwar einer, der weiß, was er tut.
