Nicht mehr mein Zirkus

29.10.2026

Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern, und erst recht eures oder: Wie ich aufhörte, es allen recht machen zu wollen.
Es ist schon erstaunlich, was sich im Laufe eines Lebens verändert. Früher konnte mich eine einzige Bemerkung so sehr beschäftigen, dass ich abends im Bett noch darüber nachgedacht habe, was derjenige wohl gemeint haben könnte und ob ich vielleicht etwas Falsches gesagt hatte. Manchmal führte ich ganze Gespräche in meinem Kopf noch einmal, nur um im Nachhinein die passende Antwort zu finden, die mir im entscheidenden Moment natürlich nicht eingefallen war. Und wenn ich endlich eine gefunden hatte, war die Gelegenheit längst vorbei, während der Mensch, der mich geärgert hatte, vermutlich schon wieder mit ganz anderen Dingen beschäftigt war. Heute frage ich mich gelegentlich, warum ich eigentlich so viel Zeit meines Lebens damit verbracht habe, mir Gedanken über die Meinung anderer Menschen zu machen. Die Antwort kenne ich natürlich: Ich wollte gemocht werden, wollte niemanden enttäuschen und hatte lange Zeit das Gefühl, dass es irgendwie meine Aufgabe sei, dafür zu sorgen, dass andere mit mir zufrieden waren. Wenn jemand Kritik äußerte, nahm ich das schnell persönlich, selbst dann, wenn ich die Person kaum kannte und sie über mein Leben, meine Beweggründe und meinen Charakter eigentlich überhaupt nichts wusste. Und dann kommen die Wechseljahre, und irgendwann versteht man plötzlich die älteren Frauen, die früher mit einer beneidenswerten Selbstverständlichkeit gesagt haben: „Weißt du was? Was die anderen über mich denken, ist mir inzwischen scheißegal.“ Als jüngere Frau hält man das vielleicht für eine etwas grobe Form der Gleichgültigkeit. Man denkt, dass man doch auf andere Menschen Rücksicht nehmen und sich für deren Meinung interessieren sollte. Schließlich gehört es sich, freundlich zu sein, sich vernünftig zu benehmen und nicht einfach alles zu machen, worauf man gerade Lust hat. Und natürlich ist Rücksichtnahme nichts Schlechtes. Nur habe ich inzwischen verstanden, dass Rücksichtnahme und Selbstaufgabe zwei völlig verschiedene Dinge sind, auch wenn man sie früher erstaunlich oft miteinander verwechselt hat.

Die Kunst, sich nicht mehr jeden Schuh anzuziehen
Ich weiß nicht genau, wann diese Veränderung bei mir angefangen hat. Vielleicht ist es die Erfahrung, dass man im Laufe der Jahre so viele Menschen kennenlernt und so viele Situationen erlebt, dass man irgendwann erkennt, wie wenig sinnvoll es ist, sich über jede fremde Meinung den Kopf zu zerbrechen. Vielleicht verändert sich auch die eigene Prioritätensetzung, wenn der Körper plötzlich seine eigenen Regeln aufstellt und man ohnehin genug damit beschäftigt ist, herauszufinden, was eigentlich gerade mit einem passiert. Jedenfalls merke ich, dass ich Dinge heute wesentlich gelassener sehe, die mich früher tagelang beschäftigt hätten. Wenn jemand meine Kleidung nicht mag, dann ist das eben so. Wenn jemand meine roten Haare für eine schlechte Idee hält, darf er das gerne tun. Ich habe meine Haare schließlich nicht gefärbt, um damit eine Volksabstimmung zu gewinnen, sondern weil sie mir gefallen. Und wenn irgendein Mensch der Ansicht ist, eine Frau in meinem Alter sollte sich lieber unauffällig kleiden, eine dezente Haarfarbe tragen und sich insgesamt so wenig wie möglich bemerkbar machen, dann kann er diese Vorstellung selbstverständlich behalten. Ich sehe allerdings keinen Grund, mein Leben danach auszurichten. Manchmal frage ich mich ohnehin, wer diese ganzen Regeln eigentlich aufgestellt hat. Gibt es irgendwo eine geheime Kommission, die darüber entscheidet, welche Haarfarbe Frauen ab fünfzig tragen dürfen und ab welchem Alter bestimmte Kleidungsstücke plötzlich verboten sind? Sitzen da ernsthafte Menschen an einem langen Tisch und beschließen, dass wir uns künftig bitte etwas zurückhaltender zu verhalten haben, weil wir schließlich nicht mehr zwanzig sind? Falls es diese Kommission gibt, habe ich eine schlechte Nachricht: Meine Einladung ist vermutlich verloren gegangen, und ich habe auch nicht vor, mich nachträglich anzumelden. Das Schöne daran ist, dass ich mich für diese Haltung nicht einmal besonders anstrengen muss. Ich habe schlicht keine Lust mehr, meine Entscheidungen ständig vor Menschen zu rechtfertigen, die mit den Konsequenzen dieser Entscheidungen überhaupt nichts zu tun haben. Wenn ich mit meiner Kleidung, meiner Frisur oder meiner Meinung niemandem schade, sehe ich nicht ein, weshalb ich mich dafür entschuldigen sollte, dass ich nicht den Geschmack der gesamten Menschheit treffe. Das dürfte ohnehin ein ziemlich aussichtsloses Unterfangen sein.

Früher hätte ich mich geärgert, heute denke ich darüber nach, ob es sich überhaupt lohnt
Natürlich bedeutet das nicht, dass mir Kritik grundsätzlich am Allerwertesten vorbeigeht. Wenn mir jemand, der mich kennt und dem ich vertraue, ehrlich sagt, dass ich mich falsch verhalten habe, höre ich zu. Ich bin schließlich auch mit 53 Jahren nicht unfehlbar geworden, und es wäre ziemlich albern, sich einzubilden, man hätte nach einem halben Jahrhundert Lebenserfahrung nichts mehr dazuzulernen. Aber es macht einen Unterschied, ob jemand eine berechtigte Kritik äußert oder ob jemand einfach nur seine schlechte Laune, seine Vorurteile oder seine persönlichen Vorstellungen an mir auslassen möchte. Früher hätte ich womöglich versucht, mich zu erklären, hätte Argumente gesucht und gehofft, dass der andere am Ende versteht, wie ich etwas gemeint habe. Heute überlege ich erst einmal, ob mir die Meinung dieses Menschen überhaupt wichtig genug ist, um meine Zeit und meine Nerven dafür einzusetzen. Denn seien wir ehrlich: Manche Diskussionen kann man führen, bis einem die Haare grau werden, ohne dass sich auch nur ein einziger Gedanke auf der anderen Seite bewegt. Man kann sich erklären, Beispiele nennen und die eigene Sichtweise noch so verständlich formulieren, aber wenn jemand beschlossen hat, einen grundsätzlich falsch zu verstehen, wird auch die brillanteste Erklärung daran wenig ändern. Früher hätte ich das als persönliche Niederlage empfunden. Heute denke ich eher, dass ich meine Energie durchaus sinnvoller einsetzen könnte, beispielsweise für einen schönen Abend mit Freunden oder für etwas, das mir tatsächlich Freude macht. Es ist ja nicht meine Aufgabe, jeden Menschen davon zu überzeugen, dass ich ein guter Mensch bin. Diejenigen, die mich kennen, wissen das ohnehin selbst zu beurteilen, und bei allen anderen kann ich es ohnehin nicht kontrollieren. Wer mich nach einem flüchtigen Eindruck beurteilt, darf das tun. Ich muss nur nicht dafür sorgen, dass aus diesem flüchtigen Eindruck ein positives Gutachten wird. Das ist eine ziemlich befreiende Erkenntnis, gerade wenn man früher dazu geneigt hat, sich jedes Urteil anderer Menschen zu Herzen zu nehmen.

Irgendwann wird einem klar, wer wirklich zählt.
Je weniger ich mich mit den Meinungen fremder Menschen beschäftige, desto deutlicher wird mir, wie wichtig die Menschen sind, die tatsächlich zu meinem Leben gehören. Die Familie, die Freunde, diejenigen, die mich auch dann kennen und mögen, wenn ich einmal schlecht gelaunt bin, nicht besonders charmant reagiere oder gerade keine Lust habe, mich von meiner besten Seite zu zeigen. Bei diesen Menschen muss ich nicht ständig überlegen, ob ich die richtigen Worte finde oder ob meine Persönlichkeit gerade gesellschaftlich akzeptabel ist. Ich kann lachen, mich ärgern, Unsinn reden und auch einmal einen schlechten Tag haben, ohne befürchten zu müssen, dass gleich mein gesamter Charakter infrage gestellt wird. Man muss sich nicht dauernd beweisen, weil man einander längst kennt und wenn ich mir überlege, wie viel Zeit ich früher damit verbracht habe, auch Menschen zufriedenzustellen, die in meinem Leben eigentlich gar keine wichtige Rolle gespielt haben, dann erscheint mir das rückblickend fast ein wenig absurd. Ich habe mir Gedanken über Leute gemacht, deren Namen ich heute vielleicht nicht einmal mehr zusammenbekäme, und mich über Bemerkungen geärgert, an die sich die betreffenden Personen wahrscheinlich schon am nächsten Morgen nicht mehr erinnert haben. Währenddessen gab es Menschen, die mir wirklich wichtig waren und die meine Aufmerksamkeit verdient hätten. Es ist schon eine merkwürdige Angewohnheit, die eigene Energie ausgerechnet dort zu verschwenden, wo sie am wenigsten bewirkt. Heute möchte ich lieber Zeit mit den Menschen verbringen, bei denen ich mich wohlfühle, und mich mit Dingen beschäftigen, die mein Leben bereichern. Ich möchte lachen, Neues ausprobieren, meine Interessen verfolgen und mich nicht bei jeder Gelegenheit fragen, ob das, was ich tue, irgendjemandem gefallen könnte. Schließlich habe ich nur dieses eine Leben, und es wäre doch schade, wenn ich einen beträchtlichen Teil davon damit verbringen würde, mich nach den Vorstellungen von Menschen zu richten, die gar nicht mit mir darin leben.

Die Wechseljahre haben mir nicht nur etwas genommen.
Wenn ich über meine Wechseljahre nachdenke, fallen mir natürlich zuerst die weniger erfreulichen Dinge ein. Die Hitzewallungen, die Hormonmigräne, der Schlafmangel, der Gehirnnebel und all die anderen Überraschungen, auf die ich gerne verzichtet hätte. Es gibt Tage, an denen ich mich frage, wer sich dieses Gesamtpaket ausgedacht hat und weshalb man es nicht wenigstens mit einer vernünftigen Bedienungsanleitung ausliefert. Aber bei aller Kritik an diesem hormonellen Ausnahmezustand muss ich zugeben, dass sich auch etwas verändert hat, das ich inzwischen wirklich zu schätzen weiß. Ich nehme mich selbst wichtiger als früher, und zwar nicht im Sinne von Selbstüberschätzung oder Egoismus, sondern weil ich langsam begreife, dass meine eigenen Bedürfnisse nicht automatisch hinter denen aller anderen zurückstehen müssen. Ich muss nicht mehr überall dazugehören, nicht jede Erwartung erfüllen und nicht jedem gefallen. Ich darf Entscheidungen treffen, die andere vielleicht merkwürdig finden, und ich darf meine Meinung ändern, ohne mich dafür vor einer imaginären Jury rechtfertigen zu müssen. Wenn ich einen Fehler mache, kann ich daraus lernen. Wenn jemand mich nicht mag, muss ich nicht unbedingt herausfinden, wie ich das ändern könnte. Und wenn ich eine Meinung vertrete, die nicht jedem gefällt, geht davon die Welt erstaunlicherweise auch nicht unter. Das ist keine Gleichgültigkeit, auch wenn es von außen vielleicht manchmal so aussieht. Es ist eher eine Form von innerer Ruhe, die ich mir früher gewünscht hätte, ohne wirklich zu wissen, wie man sie erreicht. Vielleicht braucht man dafür tatsächlich ein paar Jahrzehnte Lebenserfahrung, vielleicht muss man auch erst lernen, dass die eigene Zeit begrenzt ist und die eigene Kraft nicht für jeden Unsinn reicht und möglicherweise gehören die Wechseljahre zu dieser Erkenntnis dazu, weil sie einen ohnehin dazu zwingen, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen. Wenn sich so vieles verändert, beginnt man vielleicht automatisch zu hinterfragen, was einem wirklich wichtig ist und was man bisher nur deshalb getan hat, weil man glaubte, es tun zu müssen. Ich jedenfalls möchte diese neue Gelassenheit nicht mehr missen. Sie macht nicht jede Situation einfacher, und natürlich ärgere auch ich mich weiterhin über Menschen, die sich unmöglich benehmen. Ich habe schließlich nicht plötzlich den Heiligenschein entdeckt. Aber ich kann inzwischen besser entscheiden, welche Dinge meine Aufmerksamkeit verdienen und welche ich getrost dort lassen kann, wo sie entstanden sind: bei den Menschen, die sie mir eingebrockt haben.

Wenn ich das will, dann bleiben meine Haare rot!
Vielleicht ist das tatsächlich eines der schönsten Geschenke, die einem das Älterwerden machen kann: Man hört langsam auf, sich selbst ständig durch die Augen anderer Menschen zu betrachten. Man schaut in den Spiegel und fragt nicht mehr automatisch, ob man so aussehen darf, wie man aussieht, oder ob man sich lieber ein wenig anpassen sollte. Man zieht an, was einem gefällt, sagt seine Meinung und entscheidet selbst, mit welchen Menschen man seine Zeit verbringen möchte. Und wenn jemand damit ein Problem hat, darf er es selbstverständlich haben. Ich muss nur nicht mehr dafür sorgen, dass es verschwindet.Ich werde deshalb auch künftig meine Haare rot färben, wenn mir danach ist, und Kleidung tragen, in der ich mich wohlfühle. Ich werde meine Meinung sagen, wenn ich etwas zu sagen habe, und den Mund halten, wenn mir eine Diskussion zu blöd wird. Vielleicht werde ich mit zunehmendem Alter noch gelassener, vielleicht auch gelegentlich etwas ungeduldiger, aber wenigstens muss ich nicht mehr jede meiner Eigenschaften auf ihre allgemeine Beliebtheit überprüfen. Was für eine Erleichterung wäre es gewesen, hätte mir das jemand mit dreißig erklärt! Andererseits hätte ich es damals vermutlich noch nicht richtig verstanden. Manche Dinge kann man sich nicht einfach erzählen lassen. Man muss sie offenbar selbst erleben, sich ein paar Mal unnötig ärgern und irgendwann feststellen, dass man seine Lebenszeit auch wesentlich angenehmer verbringen könnte. Wenn mich heute jemand fragt, was ich davon halte, dass andere Menschen mich vielleicht nicht mögen, könnte ich ihm eine lange philosophische Antwort geben. Ich könnte über Selbstwertgefühl, persönliche Freiheit und die Bedeutung zwischenmenschlicher Beziehungen sprechen. Aber wahrscheinlich wäre mir das zu anstrengend, und außerdem wartet zu Hause vielleicht noch ein Stück Kuchen auf mich.

Aber hey, ich liebe mein Leben!

Deshalb halte ich es lieber mit einer Erkenntnis, die zwar nicht besonders vornehm klingt, dafür aber ausgesprochen alltagstauglich ist: 
Ich habe nur das eine Leben und ich werde ganz sicher nicht den Rest davon damit verbringen, es nach den Vorstellungen anderer Menschen auszurichten. Meine Haare bleiben rot, wenn ich das möchte, meine Entscheidungen treffe ich selbst, und wer damit nicht zurechtkommt, darf sich gerne anderweitig beschäftigen. Ich habe nämlich inzwischen genug damit zu tun, mein eigenes Leben zu genießen.

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