Ich leide
Ich leide seit 4 Jahren

2022-2026
Im Mai 2022 fing alles an.
Draußen schien die Sonne, ich bekam Hitzewallungen und dachte: Was stimmt denn jetzt nicht mit mir? Ich wusste ja nicht, dass mein Körper gerade beschlossen hatte,
die Klimaanlage zu kündigen und die Heizung auf Eigenbetrieb umzustellen. Bis September hatte ich sechs Kilo zugenommen. Sechs! Obwohl ich im Sommer Mountainbike gefahren bin, Sport gemacht und mich vernünftig ernährt habe. Offenbar hat mein Körper die Kalorien nicht mehr verbrannt, sondern für schlechte Zeiten eingelagert. Für welche schlechten Zeiten, frage ich mich. Für die nächsten vier Jahre? Sehr vorausschauend!
Und dann ging die Überraschungsparty erst richtig los.
Hormonmigräne mit Kopfschmerzen, bei denen man glaubt, das Gehirn möchte sich eigenständig aus dem Schädel verabschieden. Vergesslichkeit, Brain Fog und Konzentrationsfähigkeit wie ein Goldfisch auf Valium. Ich gehe in einen Raum und weiß nicht mehr, warum. Ich suche Dinge, die ich gerade noch in der Hand hatte. Mein Gehirn hat offenbar auf Cloud umgestellt, leider ohne Internetverbindung. Dazu fühle ich mich körperlich manchmal wie 150. Nicht 53. Hundertfünfzig! Wenn ich morgens aufstehe, brauche ich eigentlich einen TÜV-Bericht, eine Ersatzteilliste und jemanden, der mir erklärt, welches Gelenk heute wieder Dienst nach Vorschrift macht.
Und meine Stimmung? Ein Traum für jeden Psychologen! Ich kann voller guter Laune sein, die Welt umarmen wollen und fünf Minuten später kurz davorstehen, wegen einer falsch abgestellten Kaffeetasse ein internationales Krisentreffen einzuberufen. Manchmal kommen die Tränen, bevor ich überhaupt verstanden habe, worüber ich mich gerade aufrege. Mein Hormonhaushalt liefert offenbar Emotionen im Expressversand, die Begründung kommt irgendwann nächste Woche.
Dann diese Ungeduld. Diese plötzliche Frustration. Diese Momente, in denen ich am liebsten Amok laufen würde, aber schon nach dem ersten Schritt vergessen hätte, wohin. Und nachts liege ich wach, bekomme panische Attacken, habe Angst vor dem Tod und frage mich, was eigentlich mit mir passiert.
Und wisst ihr, was mich daran am meisten ärgert? Dass mir das keiner erklärt hat!
Niemand hat sich hingesetzt und gesagt: „Pass mal auf, das kann ein langer Ritt werden. Du wirst schwitzen, zunehmen, Schmerzen haben, Dinge vergessen, dich manchmal selbst nicht wiedererkennen und dich nachts mit Gedanken herumschlagen, die du früher nicht einmal ansatzweise hattest. Und irgendwann schaust du in den Spiegel und fragst dich, wann genau du eigentlich so alt geworden bist.“
Nein. Das musste ich mir alles selbst beibringen. Stück für Stück, über vier Jahre. Durch Ausprobieren, Verzweifeln, Nachlesen und die gelegentliche Erkenntnis, dass ich offenbar nicht verrückt werde, sondern mein Körper gerade ein ziemlich umfangreiches Update installiert, für das es weder eine Bedienungsanleitung noch einen funktionierenden Kundenservice gibt. Und während ich versuche, mich mental an all das anzupassen, liefert mir der Spiegel täglich neue Beweisfotos dafür, dass der körperliche Teil des Projekts ebenfalls voranschreitet. Falten, Veränderungen, ein Gesicht, das mir vertraut ist, aber irgendwie nicht mehr ganz so aussieht wie das,
mit dem ich früher morgens aufgestanden bin.
Früher hatte ich einen schlechten Tag. Heute sehe ich manchmal aus, als hätte ich vier schlechte Jahre hinter mir. Was, fairerweise, auch stimmt. Das eigentlich Bittere ist nicht einmal, dass sich so vieles verändert. Es ist, dass man sich das Leben, das man kannte, Stück für Stück zurückerobern muss, oder lernen muss, es loszulassen.
Dass man akzeptieren soll, dass nicht mehr alles so funktioniert wie früher. Dass man sich selbst neu kennenlernen muss, obwohl man dachte, man hätte sich nach
53 Jahren inzwischen ganz gut im Griff.
Vier Jahre Wechseljahre. Vier Jahre, in denen ich gelernt habe, dass man gleichzeitig glücklich, verzweifelt, wütend, erschöpft und dankbar sein kann. Manchmal alles innerhalb einer Werbepause. Und falls jetzt jemand sagt: „Das ist doch ganz natürlich!“ Ja, danke. Natur ist auch, dass es im Wald Zecken gibt. Das macht die Sache nicht automatisch zu einem Wellnessangebot. Ich hätte nur gern vorher gewusst, dass diese Reise so aussieht. Mit Ansage, Gebrauchsanweisung und wenigstens einem kleinen Warnhinweis auf der Verpackung.
Aber hey, ich liebe mein Leben!
Ich hätte nur gern die Version zurück, bei der ich wusste, wo meine Brille liegt, mein Körper nicht bei jeder Gelegenheit eine Krisensitzung einberufen hat und ich nachts schlafen konnte, ohne mit meiner eigenen Sterblichkeit einen Termin zu vereinbaren. Vier Jahre sind schließlich genug Lehrgeld. Wenn die Wechseljahre jetzt noch einen Abschluss verlangen, dann bitte wenigstens mit Auszeichnung. Ich habe schließlich den ganzen verdammten Kurs besucht, ungefragt, unbezahlt und ohne die Möglichkeit, mich abzumelden. Und sitze immer noch in diesem Verdammten Kurs nicht freiwillig, sondern weil sich irgendjemand überlegt hat, dass Frauen, nachdem sie ihr ihr halbes Leben lang bluten durften, am Ende auch noch innerlich verbrennen müssen.
