Kopf oder Rücken
Kopf oder Rücken?

26.10.2026
Mein Körper hat heute eine Betriebsversammlung und ich wurde nicht eingeladen.
Seit 7 Uhr habe ich Hormonmigräne. Mein Rücken macht Geräusche, die ich früher nur von alten Holzdielen kannte, und mein Gehirn hat offenbar beschlossen,
sich beruflich neu zu orientieren. Irgendwas mit Nebel. Sichtkontakt zur Realität besteht jedenfalls nicht mehr.
Dazu kommt die Vergesslichkeit. Ich stehe auf, weil ich etwas holen will. Drei Schritte später stehe ich in der Küche und frage mich, was ich hier eigentlich vorhabe.
Also öffne ich den Kühlschrank. Man weiß ja nie, vielleicht liegt die Antwort zwischen der Butter und dem Joghurt. Und damit ich nicht umsonst losgelaufen bin, nehme ich irgendwas anderes mit. Natürlich fällt mir beim wieder hinsetzen sofort ein, was ich eigentlich vorhatte.
Meine Brille habe ich neulich so gut weggeräumt, dass mein Untermieter mit suchen musste. Ich habe sie in eine SCHUBLADE gelegt!
Als wäre ich eine Geheimagentin, die ihre wichtigste Ausrüstung vor sich selbst verstecken muss! Und dann die Sache mit den Schmerztabletten. Hormonmigräne oder Rücken? Beides zusammen darf ich nicht nehmen. Ich darf also täglich an einem medizinischen Glücksrad drehen: Heute lieber denken können oder aufrecht gehen? Eine Entscheidung, die man mit 20 Jahren normalerweise nur trifft, wenn man am nächsten Morgen einen Kater hat. Ich habe nicht einmal Alkohol getrunken!
Entscheide ich mich für den Kopf, läuft mein Rücken Amok. Entscheide ich mich für den Rücken, hämmert es mir im Schädel, als würde dort jemand die Küche renovieren. Und während ich noch überlege, was schlimmer ist, vergesse ich, über was ich eigentlich nachgedacht habe. Das Universum hat offenbar einen sehr speziellen Sinn für Humor.
Meine Stimmung schwankt derweil zwischen liebevoller Menschenfreundin und Säbelzahntiger mit Kündigungsabsicht.
Ich kann grundlos glücklich sein, fünf Minuten später die Welt verfluchen und danach heulen, weil mir ein Werbespot mit einem Golden Retriever begegnet, nicht, weil ich traurig bin. Ich weiß es selbst nicht. Vielleicht weiß es mein Gehirn, aber das ist gerade nicht erreichbar.
Und die Tollpatschigkeit!? Ich stoße mich an Möbeln, die seit 4 Jahren am selben Platz stehen. Ich lasse Dinge fallen, die ich gerade erst aufgehoben habe. Mein Körper und mein Gedächtnis arbeiten offenbar zusammen an einem Projekt namens „Mal sehen, wie weit wir sie heute treiben können“. Das Schlimmste ist: Ich kann mich nicht einmal vernünftig darüber aufregen, weil ich mitten im Satz vergessen könnte, worüber ich mich gerade aufrege. Wobei das vielleicht sogar ein Vorteil ist. Andere Menschen brauchen jahrelange Meditation, um loszulassen. Ich muss nur in einen anderen Raum gehen.
Und irgendwo sitzt eine Frau in einer Werbeanzeige, die mit wehendem Haar am Strand entlangläuft und ihre Wechseljahre mit einem Kräutertee und einem strahlenden Lächeln begrüßt. Ich möchte ihr gerne etwas dazu sagen. Aber erst muss ich gucken, wo meine Brille ist, damit ich weiß, wen ich anschreie.
Aber hey, ich liebe mein Leben!
Schließlich wollte ich schon immer Abenteuer erleben. Ich hätte nur nie gedacht, dass ich irgendwann täglich Schnitzeljagd spiele, ohne die Regeln zu kennen, den eigenen Körper als Endgegner habe und am Ende nicht einmal mehr weiß, ob ich gewonnen oder meine Brille verloren habe.
